
Frank Seidel, Januar 2007
Obwohl die Chaosforschung heute nicht mehr die Medienpräsenz der achtziger Jahre hat, ist einiges von ihr übriggeblieben, meint Dr. Heinz-Otto Peitgen in Spiegel Online. Peitgen ist Direktor des Centrums für Complexe Systeme und Visualisierung (CeVis) an der Universität Bremen. Er hat einige Bücher über das mathematische Forschungsgebiet rund ums Chaos veröffentlicht, in denen er einem Massenpublikum Phänomene wie das Apfelmännchen und Fraktale näher gebracht hat.
In einem Interview zum Thema Chaosforschung nennt Peitgen den Begriff der Instabilität als Voraussetzung für Selbstorganisation. Auch als Modell für kreatives und flexibles menschliches Verhalten, wie es zum Beispiel in Web-Projekten genutzt wird, hat meiner Ansicht nach die Auffassung von Peitgen grundlegende Bedeutung.
"Wenn man fragt, was unterscheidet uns von anderen Lebewesen, dann würde ich sagen, eines der wichtigsten Dinge ist, dass wir Pläne machen. Das heißt, wir können uns in abstrakter Weise einen Vorgang, eine Situation vorstellen. Das ist eine unglaubliche menschliche Leistung. Aber wir wissen, dass dies nicht allein die Natur ausmacht.
Natur hat ganz notwendig den anderen Teil - den Teil, wo der Zufall ganz stark wirkt, wo die Instabilität notwendig ist, und das nicht etwas ist, was mit Angst behaftet sein muss. Die Instabilität ist die Voraussetzung für Selbstorganisation. Und in der planbaren Welt ist natürlich der Todfeind die Instabilität."
(Quelle: Heinz-Otto Peitgen am 21. Juni 2006 in Spiegel Online.)
Peitgens Begriff von der Selbstorganisation läßt sich m.E. in enger Beziehung zu dem der menschlichen Kreativität sehen. Das Bild des Wissenschaftlers kann man dann als Erklärung davon auffassen, wie menschliche Kreativität zustande kommt:
Die Instabilität in unserer Umgebung ist die Voraussetzung dafür, dass wir kreativ werden.
Läßt sich Kreativität und Flexibilität also vielleicht wie eine Reflexhandlung verstehen, die dann anspringen kann, wenn die Realität durch Instabilität ihre von uns wahrgenommene Richtung im Verlauf ändert? Wenn Realität anders verläuft, als wir sie gewollt und uns vorgestellt haben?
Vielleicht trägt kreatives Verhalten dann dazu bei, reorganisierte Fassungen von Handlungsplänen abzufassen, die überholt sind und nicht mehr zur aktualisierten Realität passen. Pläne sollen uns ja zu übergeordneten Zielen führen, die in der Zukunft liegen. Mit adäquatem Handeln und Wirken wollen wir unseren geplanten Beitrag dazu leisten, dass die geplanten Ziele von uns erreicht werden. Um unsere Handeln anhand aktueller Bedingungen in der Umwelt zu justieren und unsere nächsten Schritte zum Ziel zu planen, werden wir also kreativ?
Auch beim Planen der Umsetzung von Web-Projekten ist es zumindest empfehlenswert, sich regelmäßig Raum für kreative Rückkopplungen mit der Realität zu lassen und Handlungen auf flexible Weise zu steuern. Die mittelfristigen Ziele sollten dabei durchaus von kreativer Rückkopplung verändert werden dürfen - und sollen. Es geht letztendlich darum, ein allgemeines, übergeordnetes Ziel (wie Umsatzsteigerung, Besucherzahlen, Branding, etc.) zu erreichen.
Die Umgebung im Web ist sehr dynamisch, von vielen, und stetig neu enstehenden Variablen abhängig. Insofern ist dieser Teil der Realität in Peitgens Sinne der Planbarkeit wohl als außerordentlich instabil zu betrachten. Deshalb gelten hier vielleicht auch außerordentlich gute Voraussetzungen, um Pläne und Lösungen mit Kreativität zu finden. Neue Anwendungen, die im Cyberspace Chance auf vergleichweise Beständigkeit haben, brauchen eine stetige, enge Rückkopplung mit den aktuellen Bedingungen im Netz.
Langfristig kreativ orientiertes Verhalten ist insofern durchaus als Entwicklung-Strategie für erfolgreiche Webprojekte zu betrachten.
Lösungen, die vom Menschen gefunden worden sind und Bestand haben ('das Rad'), sind wahrscheinlich nicht die strikte Umsetzung eines einst im Elfenbeinturm gefaßten Planes. Vielleicht lassen sie sich aber betrachten als das zeitgeschichtlich relevant gebliebene Ergebnis eines Habens von Zielen, eines Fassens von Plänen und die kreative Rückkoppelung mit dem, was sich nicht zuletzt daraus ergeben hat.
